Geschichten aus 60 Jahren WGF
1975–79

780 AWG-Familien wohnen in Döbeln Ost II

In den Jahren 1975-1977 wurden in Döbeln Ost II etappenweise 5-geschossige Wohngebäude errichtet und zur Vermietung an die DWVG sowie AWG vergeben. So überreichte am 13.12.1975 der Bürgermeister Heinz Dittrich die Schlüssel für die 1000. Neubauwohnung in Döbeln Ost II an die Arbeiterfamilie Otto Kiesel (AWG-Mitglied – damals wohnhaft in der Lommatzscher Straße 4). Bereits am 30.08.1976 wurde die 1.400 Wohnung übergeben.

 

Bürgermeister der Stadt Döbeln zwischen 1945 und 1990

 

NameAmtszeit
Birnbaum1945 – 1945
Arno Dietze1945 – 1946
Arthur Dittrich1946 – 1950
Alfred Eckert1950 – 1954
Gerhard Seidler1954 – 1964
Helmut Saupe1964 – 1969
Heinz Dittrich1969 – 1989
Götz Schröder1989 – 1990

 

Bürgermeister der Stadt Döbeln seit 1990

NameAmtszeitAmtstitel
Matthias Girbig1990 – 1994Bürgermeister
Matthias Girbig1994 – 2001Bürgermeister
Axel Buschmann2001 – 2008Bürgermeister
Hans-Joachim Eigner2008 – heuteOberbürgermeister

 


Erinnerungen von Otto und Steffi Kiesel

Otto und Steffi Kiesl erinnern sich gern an das Ereignis der Schlüsselübergabe durch Bürgermeister Heinz Dittrich. Otto Kiesl, gebürtiger Etzdorfer, arbeitete im Schmiedewerk „Hermann Matern“ in Roßwein und seine Frau in der Jugendmode Roßwein, Betriebsteil Döbeln. Zu diesem Zeitpunkt wohnten beide mit ihrem kleinen Sohn in der Georgenstraße. Ihr großer Wunsch war eine neue schöne Wohnung zu erhalten, aber jeder Weg auf das Rathaus endete mit einer erneuten Absage. Herr Kiesl war ein sehr umtriebiger und geachteter Mitarbeiter im Schmiedewerk. Da hörte er, dass die Wohnungskommission auch Wohnungen in Döbeln zur Vergabe bekam. Nun stand das Ereignis der Vergabe der 1000. Neubauwohnung auf dem Plan. Die Vergabe lautete: Es muss eine Arbeiterfamilie und ein Schichtarbeiter sein. „Na, dann eben nicht“, dachte sich Fam. Kiesl. Herr Kiesl arbeitete damals in der Kfz-Abteilung, also nicht als Schichtarbeiter. Aber das Glück kam etwas später, denn der ausgewählte Bestarbeiter hatte Frau und zwei Kinder und diesem war die Wohnung zu klein. Und so fiel das Los dann doch auf Familie Kiesl. 500 Aufbaustunden wurden geleistet, dann kam der Grundwehrdienst. Danach hatte Herr Kiesl wieder Glück. Er durfte sich auf dem Garagenkomplex in unmittelbarer Nähe zum Wohnort eine Garage mit bauen.
Frau Kiesl machte in der Zeit von 1974-1975 in Roßwein ihre Meisterausbildung und
übernahm in der Jugendmode die sogenannte „Hausfrauenbrigade“. In erster Linie
fertigte man Kinderoberbekleidung für das NSW (nicht sozialistische Wirtschaftsgebiet) also für die begehrten Devisen. Abnehmer wie Neckermann standen Schlange, um
die qualitativ gute aber sehr preiswerte Ware zu erhalten. 1992 wurde das Unternehmen abgewickelt.
Heute geht Fam. Kiesl ihren Hobbies nach, das sind Gartenarbeit, Nähen und die Beschäftigung mit den Enkeln.


Vergrößerung des Wohnungsbestandes

Die Gebäudewirtschaft Döbeln und die AWG Döbeln erhielten im Wohngebiet
Döbeln-Ost II Wohnungen zugesprochen. Bis Ende 1977 erhielt die AWG in Döbeln-Ost II insgesamt 780 Wohnungen:

  • Nossener Straße 1-16 (früher Fr.-Pawlowski-Straße)
  • Unnaer Str. 25-38, 48-55, 56-72 (früher Leninstraße)
  • Meißner Str. 1-10
  • Lommatzscher-Str. 1-10 (früher Wilhelm-Pieck-Str.)

Dabei waren die Unnaer Straße 48-55 die zuletzt gebauten Blocks in Ost II. Mit diesen
Wohnungen vergrößert sich der Wohnungsbestand der AWG auf insgesamt 1.568 WE.

AWG-/WGF-Bestand

Ein solches Wohngebiet kann nicht ohne Nachfolgeeinrichtungen auskommen:

05.05.1975Eröffnung der HO Kaufhalle Ost II
30.08.1976Übergabe der 2. Oberschule in Ost II (Leninschule)
1978Buswendeplatz wird in Betrieb genommen
06.10.1978Das Dienstleistungsgebäude wird eröffnet (2 Ärzte, 1 Zahnarzt, Lobar, EKG, Kurzwelle)
10.11.19781. Spatenstich für ein Rückhaltebecken am Amselgrund
24.07.1979Das Neubaugebiet wird zur verkehrsarmen Zone erklärt (30 km/h)
20.08.1979Gegenüber der HO-Kaufhalle entsteht ein Parkplatz für 65 PKW und 50 Kräder

 


25- jähriges Jubiläum

Die AWG feierte vom 23.08. – 28.08.1979 ihr 25-jähriges Jubiläum als Straßenfest im Wohngebiet Döbeln Ost I und am 27.08.1979 mit einer Festveranstaltung im Kulturhaus Zschackwitz. Herr Klaus Beßler als hauptamtlicher Geschäftsführer seit 1979 hat mit seinen Helfern ein großartiges Fest organisiert. Die AWG konnte
stolz Bilanz ziehen
.

Die Wohnungen waren nach damaligen Stand modern ausgerüstet, z. B.

  • beim Einzug schon vorhandene Küchenmöbel
  • mit einem Gasherd
  • Gasdurchlauferhitzer für Warmwasser in Küche und Bad
  • Gasthermen zur Heizung in Küche und Bad
  • Kohle-Kachelöfen im Wohnzimmer und Kinderzimmer
  • Antennen auf den Dächern für Radio und Fernsehen
  • Keller für Braunkohlebriketts als Winterheizvorrat und
  • zur Aufbewahrung von Eingekochtem

Das Heizen der Wohnung

Das morgendliche Ascherütteln in den Kohleöfen im Winter war nach dem Aufstehen ein ständiges Ritual. Die vollen Aschekästen der Öfen wurden in einem Blecheimer geleert und die Asche wurde in Behältern vor dem Haus entsorgt. Braunkohlebriketts aus dem Keller wurden mit in die Wohnung genommen. Zusammen mit Kohleanzünder wurde Feuer gemacht und nach dem Durchbrennen (gute Glut) wurde der Ofen verschlossen. Beim Abbrennen musste reichlich Zug vorhanden sein.

Nach kurzer Zeit strahlten die Ofenkacheln Wärme ab. Meistens wurde erst nach dem Anheizen gefrühstückt.

Die Braunkohlebriketts wurden durch den Kohlehandel mit LKWs in Säcken angeliefert und vom Fahrer bzw. Beifahrer in den jeweiligen Keller befördert. Der Schornsteinfeger kam in festgelegten Zeitabständen zum Säubern der Schornsteine vom Dach aus mittels einem Kugelbesen. Dabei entstand im Schornstein eine gewisse Druckwelle. Wer seine Öfen und Rohranschlüsse zum Schornstein hin nicht mit feuchten Lappen vorher abdichtete, erlebte manchmal sein „schwarzes Wunder“. Ruß trat aus und verschmutzte den Wohnraum.


Kurt Bothur erinnert sich

An dieser Stelle wollen wir über ein Döbelner Original berichten: Unser langjähriges WGF-Mitglied Kurt Bothur.

Mit den lauten Rufen von „Hü“ und „Hott“ kam er mit seinen Pferden Siegfried, Hermann und Prinz die Straßen entlang und brachte den Leuten die Kohlen, gehacktes Holz und vieles mehr. Von 1945-1974 betrieb er mit seiner Mutter Johanna Bothur eine kleine Spedition mit Sitz in der Sörmitzer Mühle. Der Geschäftsinhalt war die Anlieferung der Brennstoffe und natürlich auch die Abholung und Entsorgung der Asche für die Haushalte.
Die AWG war natürlich unser „Großkunde“. In Sörmitz befand sich der Kohle- und Lebensmittelhändler Kmoch. Bothurs übernahmen die Verteilung. Die Kohlemenge war nicht rationiert. Mit einer Ladung wurden ca. 200 Zentner Kohle auf den Hof gekippt, dann wurde die Kohle mit der Gabel in eine Mulde geschippt, gewogen und in Säcke gefüllt. Dann kamen die Säcke nach den Bestellungen auf den Wagen und los ging es zum Kunden, den Mietern in der AWG. Die einen wollten die Säcke in den Keller direkt getragen haben, die anderen ließen sich die Kohle vor die Kellerfenster bringen und schaufelten sie selbst hinein.

Und dann gab es noch so einige Kreisläufe:
Kurt Bothur arbeitete bei der Umfeldgestaltung ganz aktiv mit. Mit seinen Pferden ebnete er den Boden, dann wurde Gras eingesät, später wurde es wieder gemäht und schließlich wieder an die Pferde verfüttert. Parallel dazu verloren die Pferde bei der Arbeit die berühmten „Pferdeäppel“. Schnell waren ganz eifrige Mieter dabei, diese aufzulesen und ihren Erdbeer- oder Gurkenbeeten als Dünger zuzuführen. Das war ganz normal. Wenn die Arbeit vollbracht war und die Mieter zufrieden waren, gab es ein Käffchen oder auch mal ein Bier.

Heute ist der 72-jährige Kurt Bothur mit sich und der Welt zufrieden. Jeden Tag ist er mit seinem Fahrrad unterwegs in der Döbelner Umgebung, dann wird jeden Nachmittag eine Pause eingelegt mit Kaffee und Kuchen. Gegen Abend genießt er gern den schönen Blick von seinem neuen Balkon in der Bertolt-Brecht-Straße.

Anlässlich zum 60-jährigen Jubiläum malte Albrecht Steinbock, langjähriges WGF-Mitglied aus der Lommatzscher Straße, ein Bild vom Aufbau Döbeln Ost I. Danke unserem WGF-Künstler.